Mehr Möglichkeiten Sex zu haben – die Motive sexuellen Begehrens

Wer kennt es nicht: am Anfang der Beziehung, wenn beide Partner noch frisch verliebt sind, kann man kaum die Finger von einander lassen. Die Anziehung und das sexuelle Begehren sind unglaublich hoch. Man findet seinen Partner attraktiver als jeden anderen Menschen auf der Welt. Doch die Verliebtheit klingt ab und damit auch die sexuelle Lust. Alles ist Gewohnheit, nichts scheint mehr besonders.

Doch woran liegt das? Katharina Hinsch hat 6 Facetten der Sexualität ausgearbeitet, die verschiedene Motive darstellen, Sexualität zu wollen. Sie geben also mehrere Zugänge zum sexuellen Begehren. Sexuelle Unlust entsteht, wenn wir nur auf eine Weise sexuell Begehren. Besonders in Beziehungen kostet es Mut, sich dem Partner zu öffnen und in all seinen Facetten zu zeigen. Sexuell breiter aufgestellt zu sein, hat den Vorteil, dass das Begehren nicht durch Stress, Streit oder Älterwerden gestört werden kann.

Das bedeutet: Wenn das Begehren beispielsweise nur auf Verliebtsein gestützt ist, wird sich die Sexualität in Zukunft mit den Schwin­den des Verliebtseins ebenfalls verflüchtigen. Der Vorteil ist: je mehr Facetten man in sich entdeckt, desto mehr Möglichkeiten hat man, sexuell zu sein.

Beziehungsfacette

Hier wird die Sexualität wird als beziehungsgestaltend erlebt, also als Möglichkeit die Beziehung zu vertiefen und zu verbessern. Das Zustandekommen von Sexualität wird an eine gute gemeinsame Stimmung gebunden. Implizit befindet man sich in der Beziehungsfacette, wenn Art und Ausmaß der Sexualität in Abhängigkeit von der Dauer der Paarbeziehung beschrieben werden (z. B. dass es nach einem Jahr deutlich weniger Sex gibt) oder wenn das Aufkommen von Lust in Abhängigkeit davon beschrieben wird, wie gut man sich gera­de versteht, wie harmonisch es ist oder ob man sich vor kurzem versöhnt hat. Zu dieser Facette hat fast jeder Zugang, da es allgemein anerkannt ist, Sex in Beziehungen zu haben. Sollte der Erhalt der Beziehung allerdings langfristig der einzige Grund sein, Sexualität auszuleben, wird er schnell langweilig.

Emotionale Facette

Bei dieser Facette werden über Sexualität Gefühle ausgedrückt und man nutzt den Sex, um bestimmte Gefühle zu erleben. Es geht um romantische Sehnsüchte, Liebesbezeugungen und Leidenschaft. Gefühle von Geborgenheit und Wärme, von Sicherheit und Zugehörigkeit sollen gespürt und gegeben werden. Das Spektrum ist hier aber Vielfältig. Man kann das Gefühl ausleben, sich mächtig und groß zu fühlen und den Partner kontrollieren. Man kann Wut empfinden, Verachtung spüren oder Trost finden. Auch ein Maß an Angst kann möglich sein und zu großer Hingabe führen, sowie das Gefühl des Ausgeliefertseins oder der Erniedrigung.

Man kann die Stimmungen selbst erzeugen, durch Fantasien, Anreicherung von Büchern oder intensive Erinnerungen. Wenn diese Facette allein im Vordergrund steht, braucht es immer ein emotionales Klima (Verliebtsein, Versöhnung nach einem Streit), und bei Stress oder Alltagsroutine ist die Lust vergangen.

Bestätigungsfacette

Dass Sexualität eine Form der Selbstbestätigung ermöglicht ist den meisten bekannt. Man fühlt sich begehrenswert, schön, jung, oder mächtig. Sexualität kann dabei auch der Bestätigung der eigenen „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ dienen. Es wird die Möglichkeit genutzt, sich etwas Schönes zu holen. Bestätigung bringen kann durch Flirten, eine sexuelle Eroberung, sich erobern zu lassen und jeder ausgewählte Art von Geschlechtsverkehr erreicht werden, das ist ganz davon abhängig, was einem gefällt. Wenn diese Facette allein im Vordergrund steht und es zu sexuellen Problemen wie Erektionsstörungen kommt, tauchen vielleicht Selbstzweifel auf oder der Selbstwert ist bedroht.

Vitalitätsfacette

Hier geht es um die körperlich wahrgenommene Facette der Lust. Dazu zählt das Trieberle­ben, ein Drängen des Körpers, zyklusabhängige sexuelle Lust, Geilheit, der Eindruck, „es“ wieder einmal zu brauchen für das Wohlbefinden, zum Ablassen von Spannung, zum Erleben eines guten Körpergefühls, um sich körperlich lebendig zu erleben. Es geht um die Lust, sich (erregt) zu spüren, sich prall, energievoll zu fühlen, der heftige Wunsch, sich durch Entladung von dieser Spannung zu befreien. Je achtsamer wir dabei sind, also je differenzierter unsere Körperwahrnehmung, desto intensiver kann Sex erlebt werden. Wenn nur diese Facette im Vordergrund steht, kann es schwierig sein, Sexualität und Beziehung in einen Einklang zu bringen, vor allem wenn der Trieb bei einem der Partner stärker ausgeprägt ist.

Abenteuerfacette

Die wohl aufregendste Facette. Hier geht es weniger um Befriedigung als um das Maximieren der Erregung, ein Ausreizen der Möglichkeiten und ein Spiel mit Grenzen. Vor allem der Forscherdrang junger Menschen ist dafür ein gutes Beispiel. Dazu zählt Sex in der Öffentlichkeit, Dominieren und Unterwerfen, eine Affäre haben, Sexspielzeuge ausprobieren, Swingerclubs besuchen und so weiter. Diese Facette wird erheblich von den Medien und vom Internet gesteuert, da man heute von einem Partner zum nächsten switchen kann und online jede Menge Input bekommt, was man ausprobieren kann oder „mal gemacht haben muss, denn es ist so geil!“

Hier ist darauf zu achten, dass es schnell zu Langeweile kommen kann, weil es immer schwieriger wird, die Erregung noch weiter zu steigern. Um Intensität durch Emotionen oder den Körper zu spüren, ist meist mehr Zeit nötig, als wir Abenteuern zugestehen.

Spirituelle Facette

Diese hat etwas Mystisches. Sexuelle Vereinigung wird demnach als etwas heiliges gesehen und mit dem Gefühl von Transzendenz verbunden. Sex wird mir Spiritualität verbunden und als ein Verschmelzen definiert. Am ehesten wird uns das ohne Vorerfahrung durch Tantrakurse zugänglich, bei denen Sex zu einer spirituellen Erfahrung wird.

 

Mithilfe dieser 6 Facetten kann man nun also gucken, auf welchen Ebenen Sexualität ausgelebt wird und wo diese Zugänge noch fehlen. Je mehr Lustmotive wir haben, desto vielfältiger ist unser Sex. Dazu ist es erforderlich, sich seinen Wünschen zu stellen und der Angst, diese vor dem Partner zu offenbaren. Wie man mit dem Partner weitere Facetten ansprechen und ausleben kann, steht hier. Nutzt die Zeit, die ihr jetzt habt. Probiert etwas Neues und hört auf euch und euren Körper: warum habt ihr aktuell Sex? Und gibt es nicht noch mehr Gründe, um Lust und Erregung zu spüren? Lasst euch darauf, spielt damit!

Von Lisa Mucke

 

Zum Nachlesen: „Das Facettenmodell der Sexualität“ von Katharina Hinsch (2016)

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